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Interview mit Dr. René Krempkow - Hochschulforscher


„Das spätere Einkommen hängt nicht primär von der Abschlussnote und der Dauer des Studiums ab! Viel entscheidender ist die eigene Karriereorientierung und ggf. die richtigen Kontakte."

 

Interviewt von Sebastian Thiele, Januar 2010
Weblink: http://www.forschungsinfo.de/Mitarbeiter/mit_krempkow.asp

 

Sie sind Soziologe und beschäftigen sich mit Hochschul- und Absolventenforschung. Was sind dabei Ihre Forschungsinteressen?

Uns interessierte besonders der berufliche Verbleib (etwa ein Jahr nach dem Examen) und die rückblickende Einschätzung des Studiums. Dies sind für die Studiengangsplanung und für deren (Re)­Akkreditierung wichtige Informationen. Aber auch die Absolventen selbst können sich einordnen: Welche Wege haben andere eingeschlagen? Wo stehe ich im Vergleich dazu? Systematische Absolventenstudien sind hier aussagekräftiger als Informationen aus Einzel-Erfahrungen, die naturgemäß meist nicht repräsentativ sind. Absolventenstudien ermöglichen auch eine vergleichende Analyse von Absolventen mit unterschiedlichen persönlichen Eigenschaften, Studienerfahrungen und beruflichen Wegen. Die Aussagekraft solcher Studien war auch bereits eines der Themen in meiner Dissertation (2005), worauf wir aufbauen konnten. An der Universität Freiburg wurden hierzu bislang Absolventen von 7 Fakultäten befragt. Nur die juristische Fakultät und die Naturwissenschaften hatten sich 2007 bis 2009 noch nicht am Projekt beteiligt.

Seit wann ist die Absolventenforschung in Deutschland etabliert? Wie stellt sie sich im internationalen Vergleich dar?

Vor 10 Jahren, d.h. 1999, war ich noch ein Einzelkämpfer. Mein Doktorvater an der TU Dresden hatte mir damals wohlmeinend geraten, doch lieber über ein anderes Thema zu forschen. In der Universitätsverwaltung der TU stießen meine Absolventenbefragungen aber bald auf größeres Interesse. Seither ist die Entwicklung in 7-Meilen-Stiefeln vorangeschritten. Seit etwa 2008/2009 ist die Absolventenforschung flächendeckend etabliert; so gut wie jede größere Universität in Deutschland beteiligt sich daran. Eine Ursache dieser Entwicklung ist sicher der Bologna-Prozess. Das Thema Berufsorientierung spielt an den Universitäten jetzt eine viel größere Rolle als früher.

Im internationalen Vergleich hinkte die Absolventenforschung in Deutschland aber noch so manchem Entwicklungsland hinterher, wie das INCHER Kassel in einer Studie feststellte. In Kolumbien oder in Mexiko ist man wesentlich weiter als in Deutschland. Ein Sonderfall ist die Schweiz: Dort ist die Teilnahme an einer Befragung durch das Bundesamt für Statistik Pflicht für alle Hochschulen.

Was haben Sie zum beruflichen Verbleib von Historikern herausgefunden?

Der relativ größte Teil der Absolventen ist nach wie vor im Bereich Erziehung/Unterricht tätig. Es hat sich auch gezeigt, dass maximal ein Viertel der ehemaligen Geschichtsstudenten an der Universität verbleibt. Vor diesem Hintergrund ist es problematisch, dass das Geschichtsstudium oft immer noch zu 100% zur Vorbereitung auf die wissenschaftliche Laufbahn ausgerichtet ist. Ein dritter großer Block der Absolventen ist im Medienbereich tätig. Der Rest arbeitet in sehr verschiedenen Berufsfeldern, die nicht mehr systematisch erfasst werden können. Historiker arbeiten zum Beispiel auch als „Marketing Officer" oder „Vertriebsmanager".

Ein bis anderthalb Jahre nach dem Examen verdienen Historiker etwa 1.500€ brutto monatlich. Das ist ein Wert, der sich in mehreren Untersuchungen bestätigt hat. In anderen Fächern der Freiburger Philosophischen Fakultät sind die Verdienstmöglichkeiten aber noch deutlich bescheidener. Zum Vergleich: Bei Informatikern und Mikrosystemtechnikern liegt das Monatsgehalt bei etwa 3.000€.

30% der Geschichtsstudenten haben ein Jahr nach dem Abschluss eine unbefristete Stelle. Interessanterweise ist dieser Prozentsatz bei Ingenieuren und Sportwissenschaftlern ähnlich gering, in anderen Fächern oft noch geringer..

Negativ fallen die Geschichtswissenschaften mit Blick auf die Angemessenheit der Arbeitstätigkeiten auf. Viele Absolventen fühlen sich in der Berufseinstiegsphase nicht adäquat beschäftigt. Das unterscheidet sie auch von vielen anderen Geisteswissenschaftlern.

Hinzuzufügen ist allerdings, dass diese Zusammenfassung markante individuelle Unterschiede verdeckt. In den Befragungen reichte bspw. die Spannweite des Gehalts bei Historikern von 500 bis 3.000€ monatlich!

Welche Faktoren determinieren den beruflichen Erfolg von Universitätsabsolventen?

Das ist für Viele sicher überraschend: Das spätere Einkommen hängt nicht primär von der Abschlussnote und der Dauer des Studiums ab! Viel entscheidender ist die eigene Karriereorientierung. Eine starke Karriereorientierung hat bei Geistes- und Sozialwissenschaftlern wie bei Medizinern und Technikwissenschaftlern ein Einkommensplus von 400€ monatlich zur Folge.

Ein weiterer wichtiger Faktor sind persönliche Beziehungen und Kontakte der Absolventen. Hierbei zeigen sich allerdings erhebliche Unterschiede zwischen den Fächern. Die Nutzung dieser Kontakte hat bei Geistes- und Sozialwissenschaftlern keinen signifikanten positiven Effekt auf das Einkommen, bei Medizinern aber ein sehr deutlichen. Negativ schlägt die Nutzung persönlicher Beziehungen bei Absolventen technischer Fächer zu Buche: Sie verdienen etwa 500€ weniger monatlich als ihre Kommilitonen, die ihre Stelle über den regulären Arbeitsmarkt gefunden hatten.

Ich halte es auch für nützlich, dass sich die Studierenden und Universitätsdozenten darüber informieren, welche Fachkenntnisse auf dem jeweiligen Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle spielen. In der Soziologie ist das z.B. eine empirische Abschlussarbeit.

Warum spielt die Abschlussnote nur eine untergeordnete Rolle für den beruflichen Erfolg?

Die Abschlussnoten hängen in erster Linie von der üblichen Notenvergabepraxis am Hochschulstandort ab, erst danach von den individuellen Leistungen der Studierenden. Auch der Wissenschaftsrat hat mehrfach diese Notenvergabepraxis kritisiert. Für Geistes- und Sozialwissenschaftler hat die Abi-Note jedenfalls einen viel stärkeren Einfluss auf den späteren beruflichen Erfolg. Die Examensnote kann bestenfalls Leistungsunterschiede von Absolventen der gleichen Fakultät aufzeigen, nicht zwischen verschiedenen Fakultäten.

Ihre Forschungsergebnisse unterscheiden sich von den Tipps in der Ratgeber-Literatur zum Thema Karriere. Worauf führen Sie diese Unterschiede zurück?

Karriere-Ratgeber werden in der Regel von Personaltrainern geschrieben, die oft vor allem Hinweise für den Berufseinstieg bei größeren Unternehmen geben. In diesen Unternehmen können eine kurze Studiendauer, ein entsprechendes Alter des Absolventen sowie hervorragende Noten eine gewisse Rolle spielen - als Signaleffekte. Systematisch vernachlässigt werden in dieser Literatur aber häufig die freiberufliche oder selbstständige Tätigkeit und die Beschäftigung bei kleinen Unternehmen. Auch wissenschaftliche Arbeitgeberbefragungen konzentrieren sich leider meistens auf Großunternehmen.

Der Begriff „Generation Praktikum" hat sich als ungerechtfertigt herausgestellt. Können Sie die Situation heutiger Universitätsabsolventen auf einen anderen Begriff bringen?

Generation befristet. Im Vergleich zur Arbeitsmarktsituation vor 20 oder 30 Jahren stellt die Zunahme befristeter Stellen einen starken Trend dar, der meiner Meinung nach nicht ohne gravierende gesellschaftlichen Folgen ist. Angesichts der beruflichen Ungewissheit ist es kein Zufall, dass sich immer weniger Akademiker für Kinder entscheiden (können).

Weiterführende Weblinks und Literaturhinweise

Krempkow, Rene, 2010: Was haben sie, was ich nicht hab´? Determinanten beruflichen Erfolges von Hochschulabsolventen. In: Soziologie heute, 2/2010. (ausführlicherer Artikel dazu in „Sozialwissenschaften und Berufspraxis - SuB" Nr. 1/2010 ist im Druck.).

Krempkow, René, 2009a: Kurzusammenfassung zentraler Ergebnisse zu den Freiburger Absolvent(inn)enstudien 2008, Geschichte. Freiburg: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. (Online-Publikation).

Krempkow, Rene, 2009b: Beruflicher Verbleib von Freiburger Absolvent(inn)en - erste Ergebnisse. Beitrag zur Reihe „Studium und dann..." - Veranstaltungen zum Berufseinstieg des Hochschulinformationsbüro Freiburg am 14.05.2009.

Weitere Informationen zu den Freiburger Absolvent(inn)enstudien siehe www.qm.uni-freiburg.de/projekte/absolventenstudien.

Krempkow, René, 2005: Leistungsbewertung und Leistungsanreize in der Hochschullehre. Eine Untersuchung von Konzepten, Kriterien und Bedingungen erfolgreicher Institutionalisierung. Dissertation. Dresden: Philosophische Fakultät der TU Dresden. (URL: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:swb:14-1129208825969-55860)

Heidemann, Lutz, 2005: Dresdner Absolventenstudie Nr. 17: Philosophische Fakultät 2004. Die Absolvent/innen der Philosophischen Fakultät der Abschlussjahrgänge 1999/2000 - 2002/03. Abschlußbericht. Dresden: Kompetenzzentrum für Bildungs- und Hochschulplanung der TU Dresden (PDF-Download).
Bei diesem Bericht interessant sind v.a. die Seiten 82: Beschäftigungsbereich, 88: Einkommen und 118: Berufszufriedenheit.

INCHER, 2010: Projekt-Internetseite zum Kooperationsprojekt Absolventenstudien (KOAB): Studienbedingungen und Berufserfolg - Analyse der Wirkungen hochschulischer Studienangebote und -bedingungen in Deutschland mit Hilfe von Absolventenbefragungen. (Hier werden im Laufe des Jahres 2010 weitere Informationen und Ergebnisse publiziert.).

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