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Archivwesen
Autor: Sebastian Thiele
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Letzte Änderung: Mai 2010
"Für manche vielleicht überraschend: Die Arbeit mit den Archivalien nimmt eher wenig Raum ein."
Anforderungen an Mittarbeiter im Archivwesen
Archive besetzen eine Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Verwaltung. Neben der unabdingbaren Fachqualifikation braucht ein Archivar deshalb auch gute kommunikative Fähigkeiten. Er muss sich das Vertrauen der Verwaltung dauerhaft sichern und die nötige Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit wahren. Archivare im höheren Dienst sind Beamte mit Führungsaufgaben, die andere Mitarbeiter leiten.
Unbedingt sollte man sich über die Einstellungsvoraussetzungen des jeweiligen Bundeslandes informieren, in dem man sich bewerben möchte. Zur Ausbildung zum höheren Archivdienst in Baden-Württemberg werden z. B. ein Geschichtsstudium, "angemessene Kenntnisse" der lateinischen und französischen Sprache sowie die gesundheitliche Eignung für eine Tätigkeit in einem Archiv erwartet.
Das Höchstalter bei der Bewerbung beträgt in Baden-Württemberg im Regelfall 31 Jahre. Da eine Promotion in vielen Bundesländern zwar nicht formal vorausgesetzt wird, de facto aber bei der Bewerbung eine große Rolle spielt, ist diese Altersgrenze von hoher Bedeutung. Im Fach Geschichte muss davon ausgegangen werden, dass man in der Regel ohne eine Promotion keine Ausbildung zum höheren Archivdienst durchlaufen kann.
Die Ausbildung zum höheren Archivdienst
Für studierte Historiker ist die Ausbildung zum höheren Archivdienst (Vorbereitungsdienst) der bevorzugte Weg in das Archivwesen. Zur Zeit ist nur diese verwaltungsinterne Ausbildung möglich. Die Ausbildung liegt in der Kompetenz der Länder und des Bundes. Eine Bewerbung direkt bei der Archivschule Marburg ist nicht möglich. Auf der Homepage der Archivschule finden sich jedoch stets die aktuellen Stellenangebote.
Seiteneinsteiger finden sich z. T. noch in privaten Wirtschaftsarchiven. Im Regelfall sind aber auch Stellen in Wirtschaftsarchiven durch Mitarbeiter besetzt, die die Ausbildung zum höheren Dienst durchlaufen haben.
Die Ausbildung durch den Bund und die Bundesländer nimmt zumeist zwei Jahre in Anspruch. Neben Praktika und der Ausbildung in den Archiven werden auch zwölf Monate theoretischer Unterricht an der Archivschule Marburg absolviert. Bayern grenzt sich etwas von diesem Ausbildungsweg ab. Die Ausbildung bei der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns nimmt allerdings auch zwei Jahre in Anspruch. Nach bestandener Abschlussprüfung trägt man den Titel „Archivassessor". Einen Anspruch auf eine weitere Anstellung besitzen Archivassessoren nicht, jedoch wird nach antizipiertem Bedarf ausgebildet. Das Verhältnis zwischen freien Stellen und Absolventen der Archivschule ist somit im Idealfall ausgeglichen.
Berufsprofil Archivar
Malte Bischoff, Archivdezernent am Landesarchiv Schleswig-Holstein (vgl. auch das Interview mit Malte Bischoff auf BfH.de), betont den hohen Stellenwert, den Verwaltungsaufgaben im höheren Dienst haben: "Für manche vielleicht überraschend: Die Arbeit mit den Archivalien nimmt eher wenig Raum ein. Viel mehr Zeit wird für Kunden im Lesesaal, schriftliche Anfragen nach Archivalien, Akten abgebende Behörde, Auszubildende und weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Dezernat benötigt. [...] Als Historiker muss man sich freilich an den hohen Verwaltungsanteil gewöhnen." Diese Beschreibung macht deutlich, dass Archivare während der Arbeitszeit in der Regel keine Zeit haben, eigene wissenschaftliche Publikationen zu veröffentlichen.
Das Aufgabenspektrum im höheren Dienst kann in vier Bereiche unterteilt werden.
- Archivare gewährleisten, dass das vorhandene Archivgut sicher gelagert ist und dauerhaft zur Benutzung erhalten bleibt.
- Archive können nicht das gesamte behördliche Aktenmaterial oder alle anderen verfügbare Quellen (z. B. private Nachlässe) aufnehmen. Archivare müssen daher antizipieren, was tatsächlich bleibenden Wert hat und auch für kommende Generationen von Interesse ist. Bei der Anlieferung werden daher pauschale Vernichtungsgenehmigungen eingesetzt oder teilweise eine Einzelanalyse der Akten durch Archivare vorgenommen.
- Im Rahmen der Erschließung arbeiten Archivare das Archivgut so auf, dass es für die Benutzung zugänglich wird. Ziel ist dabei die Erstellung eines Findbuchs, dass den Bestand einordnet und gliedert. Findbücher werden oft publiziert und liegen in wissenschaftlichen Bibliotheken aus. Die Inhalte der Findbücher werden heutzutage zusätzlich in Online-Datenbanken veröffentlicht.
- Eine Recherche im Archiv ist wesentlich schwieriger und aufwendiger als in einer Bibliothek. Daher geben Archivare des höheren Dienstes den Nutzern wichtige Hinweise. Gleichzeitig wird aber auch die Verwaltung beraten, um einen geordneten Aktentransfer zum Archiv zu gewährleisten.

Im höheren Dienst sind Archivare Führungskräfte und werden konzeptionell tätig. Der Unterschied zum gehobenen Dienst ergibt sich daraus, dass neben der Facharbeit auch darüber hinaus gehende Aufgaben, wie die Beratung der Verwaltung, die Abwägung rechtlicher Fragestellungen und die Personalplanung, erfüllt werden.
Archivare sind also keineswegs nur „im stillen Kämmerlein" tätig. Benutzeranfragen müssen betreut werden, einzelne Themenkomplexe werden durch Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert.
Durch die Verbreitung elektronischer Kommunikationsformen hat sich der „Archiv-Rohstoff" geändert. Die Sicherung des Archivguts ist beispielsweise durch E-Mail-Verkehr in den Behörden zu einer schwierigen Herausforderung geworden.
Die Tätigkeit in kommunalen Archiven ist sehr breit angelegt, da sie oft personell nicht gut ausgestattet sind. Allerdings bietet ein Kommunalarchiv viel Gestaltungsspielraum für eigene Initiativen.
Kirchliche Archive sind stark in die innerkirchliche Verwaltung eingebunden. Hier wird meist die konfessionelle Zugehörigkeit erwartet.
Chancen im Archivwesen
Sobald man zum Archivar des höheren Dienstes ausgebildet ist, sind die Chancen auf eine Anstellung sicher nicht schlecht. Allerdings sollte man dann bundesweit mobil sein. Auch aus diesem Grund ist das Interesse von Geschichtsabsolventen für den Archivdienst nach wie vor ungebrochen.
Der überwiegende Teil ausgebildeter Archivare findet in staatlichen und kommunalen Archiven Beschäftigung. Daneben eröffnen sich Möglichkeiten in Archiven der Kirchen, Parteien, Verbände sowie der Wirtschaft und in wissenschaftlichen Einrichtungen. Der Beamtenstatus wird Archivaren sehr wahrscheinlich erhalten bleiben.
Folgende Aufstiegsmöglichkeiten existieren: Referatsleitung, Abteilungsleitung, Archivleitung.
Wirtschaftsarchive bieten nur einer sehr kleinen Zahl von Absolventen Jobchancen. Darüber hinaus sind diese Positionen in wirtschaftlich angespannten Zeiten potentiell gefährdet. Das Archiv trägt auf den ersten Blick nicht messbar zum Unternehmenserfolg bei.
Weitere verwandte Artikel auf BfH.de: Interview mit Malte Bischoff, Archivdezernent Landesarchiv Schleswig-Holstein
Weblinks
Informationen zur Ausbildung für den höheren Archivdienst in Bayern
Landesarchiv Baden Württemberg - Unter der Rubrik "Ausbildung" finden sich u.a. auch Erfahrungsberichte und zahlreiche weitergehende Informationen.
Sebastian Gleixner: Ich werde Archivar! Raus aus dem Staub und rein in die Metadaten: Vom Wandel eines Berufsbildes - Ein interessanter Erfahrungsbericht eines Archivreferendars beim Bundesarchiv.
Verband deutscher Archivarinnen und Archivare
Vereinigung deutscher Wirtschaftsarchivare
Literaturhinweise
Eckhardt, Franz: Einführung in die Archivkunde, Darmstadt 2007.
Gabel, Helmut: Gesellschaft und 'historisches Gedächtnis': Archivwesen im Wandel, in: Wolfgang Schmale (Hrsg.): Studienreform Geschichte - kreativ, Bochum 1997, S. 1167-182.
Gaus, Wilhelm: Berufe im Informationswesen. Ein Wegweiser zur Ausbildung; Archiv, Bibliothek, Buchwissenschaft, Information und Dokumentation, medizinische Dokumentation, medizinische Informatik, Computerlinguistik, Museum, Berlin 2002.
Literaturhinweise zu Unternehmensarchiven / Historischer Kommunikation:
K. Jahnke: Das Thema History-Marketing gewinnt für die Markenpflege an Bedeutung, Horizont (13) 2005, S. 22 ff.
T. Johne: Das Firmenjubiläum: Marketing-Kommunikation zu einem besonderen Anlass, 1999.
A. Mikus: Firmenmuseen in der BRD. Schnittstelle zwischen Kultur und Wirtschaft, 1997.
Mareike Ochs: Tradition, Werte, Heritage in der der PR - Die Bedeutung der Unternehmensgeschichte für Unternehmenskommunikation am Beispiel der Bosch-Gruppe und anderer Unternehmen [Diplomarbeit, Hochschule Pforzheim, 2006], 2006.
A. Schug: History Marketing. Ein Leitfaden zum Umgang mit Geschichte im Unternehmen, 2003.
K. Wieking: PR aus dem Archiv, Werben & Verkaufen (48) 2003, S. 30-31.