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Arbeitsmarktsituation für Historiker

Autor: Sebastian Thiele
Kontakt: berufe_fuer_historiker@yahoo.de

Letzte Änderung: September 2010

 

"Historikern eröffnet sich nach dem Examensabschluss ein spannendes und erfahrungsreiches Berufsleben. Interessante Arbeitsmöglichkeiten gibt es immer. Historiker haben jedoch den Nachteil, dass sie sich ihren Beruf erst noch erarbeiten müssen."

Themen auf dieser Seite:

Zu viele Absolventen für die fachnahen Berufsfelder

Chancen im Lehramt

Zu wenig Stellenanzeigen in der Berufseintrittsphase

Studienmotivation & Berufsorientierung im Fach Geschichte

Keine eindeutige Perspektive, aber viele Möglichkeiten

Situation in den fachfremden Berufsfeldern

Die meisten Historiker werden nicht fachnah arbeiten - warum sollte man trotzdem Geschichte studieren?

Spezifische Fähigkeiten von Historikern

Berufseintritt / Gehaltsniveau

Welche Bedeutung haben die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge?

Rückwirkungen auf das Studium

Zu viele Absolventen für die fachnahen Berufsfelder

"Am Leben vorbei studiert." Mancher (angehende) Student wird diese Aussage aus der Spiegel-Absolventenstudie 2006, die sich insbesondere auf Geisteswissenschaftler bezog, in Erinnerung behalten haben. In der Tat ist ein wichtiger negativer Umstand bei der Beschäftigung mit dem Thema Berufsperspektiven für Historiker zu betonen: Es gibt für die fachnahen Berufsfelder zu viele Absolventen.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit belegten zwischen 2005 und 2009 jeweils etwa 100.000 Erstsemester ein geisteswissenschaftliches Studium. 2008 war jeder 5. Studienabgänger Absolvent eines sprach- oder kulturwissenschaftlichen Studiengangs. Geschichte ist ein wichtiges Fach innerhalb der Geisteswissenschaften. So begannen 2005 27.000 Personen ein Geschichtsstudium in Deutschland. Der Bundesagentur für Arbeit lagen 2009 jedoch lediglich 3.100 offene Stellen für Geisteswissenschaftler vor (bei 58.000 Absolventen), darunter 300 für Historiker.

Nach den Angaben des statistischen Bundesamtes schlossen in den Jahren 2003, 2005 und 2007 bundesweit jährlich knapp 2.000 Studenten ein geschichtswissenschaftliches Studium ab (für die Jahre dazwischen waren die Absolventenzahlen ähnlich hoch). Dazu kommen noch die Staatsexamina und mindestens 400 Promotionen jährlich.

Eine berufliche Tätigkeit im Museum, im Archiv, in der wissenschaftlichen Bibliothek oder an der Hochschule ist attraktiv. Die hohen Studenten- und Absolventenzahlen verdeutlichen aber, dass nur ein geringer Teil der Absolventen in diesen kleinen, fachnahen Berufsfeldern arbeiten kann. Auch eine Promotion ist daher keine Garantie für eine fachnahe Tätigkeit.

Chancen im Lehramt

Wesentlich aussichtsreicher sind derzeit noch die Berufsaussichten für angehende Gymnasiallehrer, z. B. in Baden-Württemberg (für andere Bundesländer können die folgenden Aussagen daher nicht gelten). Bei regionaler Mobilität und Bereitschaft, auch an beruflichen Schulen zu unterrichten, bestehen derzeit (!) vergleichsweise gute Einstellungschancen für Geschichtslehrer, wie das Kultusministerium in einer Informationsbroschüre mitteilt.

In Baden-Württemberg werden jedoch die Schülerzahlen von 2001 bis 2015 um etwa 20% sinken; das Gymnasium ist davon besonders betroffen. In einer Stellungnahme des Kultusministeriums für den Einstellungszeitraum 2014-2017 heißt es, dass es ein Überangebot u. a. an Lehrern mit dem Fach Geschichte geben wird.

Zu wenig Stellenanzeigen in der Berufseintrittsphase

Die geringen Chancen im fachnahen Bereich (Archive, Wissenschaft, Bibliotheken, Museen) haben zur Folge, dass viele Berufseinsteiger vor dem Problem stehen, geeignete Stellenanzeigen zu finden. Wenn Redenschreiber, Fundraiser, Unternehmensberater oder Wirtschaftsförderer gesucht werden, dann meist mit Berufserfahrung. Diese Schwierigkeit betont auch Elisabeth Zenkner, Mitarbeiterin im Hochschulteam der Agentur für Arbeit Freiburg: "Der Arbeitsmarkt gilt vielfach als schwierig. Das bedeutet, dass zumeist weitaus mehr qualifizierte Bewerber als Stellen vorhanden sind, bzw. viele Stellen Berufserfahrung erfordern, die gerade Berufseinsteiger ja nicht mitbringen!"

Als Absolvent wird man daher in der Regel vor der Aufgabe stehen, sich die notwendigen fachlichen Kenntnisse für einen konkreten Beruf eigenständig zu erarbeiten. Das kann z. B. durch Selbststudium, ein Praktikum oder Weiterbildungsmaßnahmen gelingen. Für die Zeit nach dem Examen sollte man daher frühzeitig eine geeignete Strategie entwickeln. Im Idealfall sollte bereits nach den ersten Semestern eine gezielte Berufsvorbereitung stattfinden. Denn in der Examensphase wird man hierfür kaum noch Zeit finden.

Studienmotivation & Berufsorientierung im Fach Geschichte

Die meisten Historiker beginnen ihr Studium ohne eine klare Berufsperspektive. Das ist zunächst auch kein Nachteil. Ein Geschichtsstudium ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern ein Neigungsfach, das auch ohne klare Berufsvorstellungen mit Gewinn studiert werden kann. Ausschlaggebend für die Studienfachwahl „Geschichte" ist für die Meisten nicht ein möglichst hoher Verdienst, sondern die Chance auf persönliche Entfaltung.

Dennoch: Die Frage nach dem späteren Beruf stellt sich spätestens bei den Examensvorbereitungen. Im Idealfall sollte sie so früh wie möglich gestellt werden:

Daher ist es für Historiker wichtig, klare Berufsperspektiven zu entwickeln. Ein erfolgreicher Berufseinstieg hängt auch mit genauen Vorstellungen über den persönlichen Karriereweg zusammen, wie der Bonner Hochschul- und Absolventenforscher Dr. Krempkow festgestellt hat (Vgl. das Interview mit Dr. René Kremkow).

Keine eindeutige Perspektive, aber viele Möglichkeiten

Folgende Arbeitsbereiche sind typische Tätigkeitsfelder für Historiker bzw. Geisteswissenschaftler:

- Wirtschaft: Personalwesen / Projektmanagement / Marketing / Vertrieb / PR / Betriebliche Weiterbildung
- Hochschulen, Verbände, Parteien, Stiftungen
- Kultur und Medien: Verlagswesen / Journalismus / Medienunternehmen / Fundraising
- Selbständigkeit
- Politik: Redenschreiber / Politische Bildung / Entwicklungszusammenarbeit

Situation in den fachfremden Berufsfeldern

Nur ein Bruchteil der Absolventen wird im engeren Sinne wissenschaftlich und fachnah tätig sein. Ein Großteil erwerbstätiger Historiker übt stattdessen Tätigkeiten in anderen Bereichen aus. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Historiker in fachfremden Berufsfeldern mit vielen anderen Absolventen konkurrieren und natürlich kaum je ein Personalchef explizit nach Historikern und Historikerinnen sucht. Bei der Arbeitsplatzsuche müssen also auch Stellen in Betracht gezogen werden, deren Anforderungen man nur teilweise erfüllt.

Historiker arbeiten z. B. selten in Unternehmensbereichen, in denen kaufmännisches oder technisches Spezialwissen vorausgesetzt wird (Controlling, Rechnungswesen etc.). Geisteswissenschaftler werden aber zurecht im Personalwesen und Marketing, in der betrieblichen Weiterbildung, der PR- und Öffentlichkeitsarbeit und der DV- und Informationstechnik eingesetzt. Sofern das Unternehmen nicht der Medien-, Kunst- oder Kulturbranche zuzuordnen ist, bilden Absolventen wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge aber auch in diesen Bereichen den Personalgrundstock. Ohne Eigeninitiative, die sich z. B. über Praktika oder den Erwerb betriebswirtschaflticher Zusatzkenntnisse belegen lässt, gelingt in diesen Berufsfeldern kaum der Einstieg.

Die meisten Historiker werden nicht fachnah arbeiten - warum sollte man trotzdem Geschichte studieren?

In der gegenwärtigen wissensbasierten Arbeitswelt haben Qualifikationen eine immer geringere „Halbwertszeit". Dies betrifft bspw. auch Studierende der Betriebswirtschaft, die nach dem Studium ihr erworbenes theoretisches Wissen aktualisieren und erweitern müssen. Heutzutage kommt es darauf an, sich zügig neues Wissen aneignen zu können. Die Bundesagentur für Arbeit attestiert Geisteswissenschaftlern "ausgeprägte Kompetenzen im Bereich des Wissensmanagements" sowie gute Fertigkeiten "bei der Informationsgewinnung und -aufbereitung." So meint auch Benjamin Luig in seinem Artikel auf BfH.de: "Historiker werden heute mehr denn je gebraucht - viele von ihnen wissen bloß noch nichts davon."

Darüber hinaus befinden sich Akademiker auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor in einer vergleichsweise guten Ausgangsposition. Nur 10% der Beschäftigten hatten 2009 in Deutschland einen Hochschulabschluss. Die Arbeitslosenquote ist vergleichsweise niedrig. Durch Ausscheidung älterer Arbeitnehmer wird mittelfristig ein hoher demografischer Ersatzbedarf bestehen. Schon jetzt ist absehbar, das es hierfür zu wenige Hochschulabsolventen geben wird.

Spezifische Fähigkeiten von Historikern

Elisabeth Zenkner, Mitarbeiterin im Hochschulteam der Agentur für Arbeit Freiburg, blieb hierzu im Interview keine Antwort schuldig:  "Geisteswissenschaftler besitzen oft hervorragende Sprachkenntnisse und interkulturelle Kompetenz. Schlechter ist es im Vergleich mit anderen Absolventen um die EDV-Kenntnisse und Erfahrungen im Wirtschaftsbereich gestellt. Letztere können aber z. B. schon während des Studiums durch Weiterbildungen oder Praktika erworben werden."

Historiker erwerben einerseits allgemeine geisteswissenschaftliche Kompetenzen, wie zum Beispiel eine gute Allgemeinbildung, überdurchschnittliche Präsentations- und Kommunikationsfähigkeiten, eine selbständige Arbeitsweise sowie Organisationstalent. Andererseits besitzen Historiker Fähigkeiten, die sie von anderen geisteswissenschaftlichen Absolventen abgrenzen. Damit ist weniger ein bestimmtes Fachwissen gemeint, sondern vielmehr methodische Kenntnisse. Historiker sind Spezialisten für die Beschreibung und Analyse von längerfristigen Entwicklungen in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft. Sie sind darin geschult, Zusammenhänge zu erkennen und komplexe Ursache-Wirkungs-Muster zu erfassen. Der systematische Vergleich von Quellen und die ständige Frage nach der Schreibmotivation eines Zeitzeugen ist eine weitere wichtige Qualifikation.

Viele Berufspraktiker (vgl. hierzu auch die Interviews auf dieser Homepage) geben an, dass genau diese Fähigkeiten ihrem beruflichen Weiterkommen nutzen, obwohl sie in fachfremden Berufen tätig sind. Ein blindes Vertauen allein auf die Schlüsselqualifikationen reicht jedoch nicht aus. Diese entwickeln sich nicht von selbst, sondern setzten ein intensives und inhaltsreiches Studium voraus. So betont Katrin Schütz, Praxiskoordinatorin an der HU Berlin: "Der Bachelorstudiengang hat aber nur dann auf dem Arbeitsmarkt Erfolg, wenn dahinter ein solides Fachstudium steht. Daher sollte auch ein Bachelorstudium, das nicht mit einem Master fortgeführt wird, mit Leidenschaft studiert werden."

Berufseintritt, Gehaltsniveau

Man findet Historiker immer dort, wo Generalisten gefragt sind und es keine vorgezeichneten Ausbildungswege gibt. Beispielsweise in so unterschiedlichen Bereichen wie einer Personalabteilung, einem Verlagslektorat oder einer Fundraisingabteilung in einer großen Stiftung. Diese grundsätzliche Offenheit vieler Berufsfelder gegenüber Historikern hat aber auch ihren Nachteil. Gerade weil man nicht spezifisch für ein Arbeitsfeld ausgebildet ist, gestalten sich die ersten Berufsjahre selten geradlinig und krisensicher.

Das Gehaltsniveau in den ersten fünf Berufsjahren ist relativ niedrig (vgl. hierzu auch das Interview mit René Krempkow). Dies hat zwei Gründe. Zum einen ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt nicht dergestalt, dass Historiker auf hohen Gehältern bestehen könnten. Zum anderen haben sich viele Absolventen noch nicht beruflich spezialisiert. Ortswechsel und befristete Arbeitsverträge werden für die meisten zum integralen Bestandteil der ersten Zeit nach dem Examen. Oft gelingt der Berufseinstieg nur über Zeitverträge, Praktika oder freie Mitarbeit. Einem Bericht des Spiegels (11. Dezember 2006) zufolge sind 76% aller Historiker nach Abschluss des Studiums in einer zeitlich befristeten Stelle tätig. 66% beginnen aber direkt mit einer Vollzeitstelle.

Persönliche Kontakte - aber auch Zufälle (Vgl. das Interview mit Dr. Georg Arnold auf dieser Homepage) - bestimmen in diesem Zeitraum in hohem Maße die Berufslaufbahn. Flexibilität in jeglicher Hinsicht, auch für den späteren Berufsweg, sollte man daher mitbringen. Online-Jobbörsen veröffentlichen tausende von Stellenanzeigen für Hochschulabsolventen. Daher erleichtert es die Jobsuche, wenn man sich bereits im Vorfeld eine Liste von konkreten Berufsbezeichnungen erarbeitet hat. 

Die unbefristete Vollzeitstelle stellt allerdings auch im weiteren Erwerbsleben nicht das überwiegende Beschäftigungsverhältnis für Geisteswissenschaftler dar. Befristete Arbeitsverhältnisse, Werk- und Honorarverträge sind stattdessen (fast) die Regel.

Welche Bedeutung haben die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge?

Erste Erfahrungen mit den neuen Studiengängen haben Imke Sturm-Martin (Dozentin am Historischen Seminar der Universität Köln) und Katrin Schütz (Praxiskoordinatorin HU Berlin) gemacht. Beide standen BfH.de für ein Interview zur Verfügung.

Rückwirkungen auf das Studium

Entscheidend für Historiker ist, sich frühzeitig zu informieren und sich ein Berufsziel anzueignen. Erst dann können im Studium wichtige Akzente, z. B. durch die Belegung einer museumspraktischen Übung, gesetzt werden. Auch ein blinder „Praktikumsaktionismus" wird dann nicht mehr nötig sein. Man kann gezielt Kontakte knüpfen und sich eventuell Wissen für die spezifische Branche aneignen. Auch in den Geisteswissenschaften kann es sehr sinnvoll sein, im Studienfach Schwerpunkte zu setzen. In der Regel können Geschichtsabsolventen immer vermitteln, dass sie Grundlagenwissen besitzen. Mit einem konkreten Schwerpunkt kann man sich jedoch deutlich von Mitbewerbern abgrenzen. Bildet sich im besten Fall ein roter Faden hin zum angestrebten Berufsziel, verkürzt sich unter Umständen die schwierige Einstiegsphase.

Historikern eröffnet sich nach dem Examensabschluss ein spannendes und erfahrungsreiches Berufsleben. Interessante Arbeitsmöglichkeiten gibt es immer. Historiker haben jedoch den Nachteil, dass sie sich ihren Beruf erst noch erarbeiten müssen.

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