Berufe » Die klassischen Berufsfelder für Historiker/innen » Stiftungswesen

Stiftungswesen

Autorin: Anne-Sophie Brüggen
Letzte Änderung:
Februar 2008

 

"Wie in vielen anderen Bereichen des Arbeitsmarktes gilt jedoch auch hier, dass zu einer Anstellung einschlägige Praktika im Stiftungsbereich meistens Voraussetzung oder wenigstens stark erwünscht sind."

In Deutschland gibt es rund 14.400 Stiftungen bürgerlichen Rechts, wobei es allein 2006 ganze 699 Neugründungen von Stiftungen gab - der Stiftungssektor ist somit derzeit im Wachstum begriffen. Formal gesehen verfolgt eine Stiftung mit ihrem Stiftungsvermögen einen vom Stifter vorbestimmten Zweck. Dazu gehören meist Zwecke im sozialen Bereich oder in Politik, Kultur und Kunst, Wissenschaft und Forschung, Bildung oder Umwelt (Vgl. „Stiftungszweck und Stiftertypen", Bundesverband Deutscher Stiftungen).

Ebenso breit wie die thematische Streuung der Stiftungen ist auch das Größenspektrum: es gibt in Deutschland Stiftungen mit mehreren Milliarden Euro Stiftungsvermögen (Vgl. „Die größten Stiftungen, Bundesverband Deutscher Stiftungen), Niederlassungen im Ausland und einer größeren Anzahl Mitarbeiter ebenso wie „Ein-Mann-Betriebe" und Stiftungen mit geringem Vermögen, die wesentlich auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen sind.

Berufsprofil

Der Zweck einer Stiftung bestimmt inhaltlich die Arbeit, die in der Stiftung geleistet wird, so dass das Interesse für den Stiftungszweck als Grundlage für eine Tätigkeit in diesem Bereich unerlässlich ist. In einer kleinen Stiftung kann es durchaus sein, dass man neben der inhaltlichen Arbeit gleichzeitig für Öffentlichkeitsarbeit, Personalmanagement, Fundraising oder anderes mit verantwortlich ist. Flexibilität und Vielseitigkeit sind daher Voraussetzung. In größeren Stiftungen sind diese Bereiche stärker getrennt und die Arbeit spezialisierter. Daher gibt es im Bereich der Stiftungen unterschiedlichste Tätigkeitsprofile, die von Öffentlichkeitsarbeit bis zur Buchhaltung reichen können. Die von vielen angestrebte Tätigkeit in Stiftungen ist jedoch im weitesten Sinne Projektarbeit: darunter fallen Aufgaben wie das Organisieren von Veranstaltungen zu Stiftungsthemen, Verfassen und Herausgeben von Schriften, Durchführung von Untersuchungen/Umfragen, Organisation von Kongressen oder aber auch Betreuung von Stipendienprogrammen oder politische Beratung. Diese Tätigkeiten können je nach Stiftungszweck variieren. Besondere Aufgabenfelder für Historiker können in entsprechenden Stiftungen auch das Verwalten und Ordnen eines Nachlasses, Archivierungsarbeit, das Herausgeben historischer Dokumente oder das Konzipieren von Ausstellungen sein. Einige Stiftungen bieten die Möglichkeit, (dauerhaft) im Ausland zu arbeiten.

Das Lohnniveau liegt im Bereich der Stiftungsarbeit meist unter demjenigen vergleichbarer Stellen in der freien Wirtschaft, da viele Stiftungen nur ein beschränktes Budget zur Verfügung haben und als Teil des „Non-Profit-Sektors" keine Gewinne erwirtschaften können wie Unternehmen. Gleichzeitig jedoch sind die Arbeitsplätze in Stiftungen vergleichsweise krisensicher und lassen oft größere Freiräume zur Arbeitsgestaltung als dies in der freien Wirtschaft der Fall ist. Für viele Mitarbeiter in Stiftungen stehen daher eher persönliche Motive wie Interesse am Stiftungszweck oder der Wunsch, in der Gesellschaft „Gutes zu tun" im Vordergrund, wenn es um die Wahl eines Arbeitsplatzes im Stiftungsbereich geht (Vgl. Stiftung&Sponsoring 5/2007, 22 f.).

Ausbildungsweg/Einstieg

Für die Stiftungsarbeit ist ein Hochschulabschluss in der Regel Voraussetzung, für gehobene, leitende Stellungen innerhalb einer Stiftung kann eine Promotion durchaus erwünscht sein. Der Stiftungssektor ist Tätigkeitsbereich von vielen Geisteswissenschaftlern, so dass das Studienfach nicht ausschlaggebend sein muss, es jedoch sicherlich ein Vorteil ist, eine Stiftung zu wählen, deren Themenbereich sich mit demjenigen des Studienfaches überschneidet.

Ein Einstieg in die Stiftungsarbeit kann schon während der Studienzeit gelingen und ist bei Interesse an dieser Arbeit zu empfehlen. In einigen Stiftungen kann ehrenamtliche Arbeit ein Weg sein, Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen in diesem Bereich zu sammeln. Viele Stiftungen bieten Praktika oder Stellen für Werkstudenten an, die es erlauben, Einblicke in die Stiftungsarbeit zu gewinnen. Kleinere Stiftungen sind in Bezug auf Praktika oder eine studentische Nebentätigkeit möglicherweise flexibler als die grossen Stiftungen und ermöglichen in der Regel auch eher einen „Rundum-Einblick" in das Tagesgeschäft einer Stiftung. Nach dem Studienabschluss besteht die Möglichkeit eines Direkt- oder Quereinstiegs durch Bewerbung für offene Stellen oder (je nach Stiftung) eines Einstiegs über eine Hospitanz/ein Traineeprogramm. Wie in vielen anderen Bereichen des Arbeitsmarktes gilt jedoch auch hier, dass zu einer Anstellung einschlägige Praktika im Stiftungsbereich meistens Voraussetzung oder wenigstens stark erwünscht sind.

Eine weitere interessante Möglichkeit ist das Verfassen einer Abschlussarbeit in Zusammenarbeit mit einer Stiftung, was ebenfalls von einigen Stiftungen angeboten wird (oft mit thematischer Bindung an die Stiftungsarbeit). Ausserdem kann man sich während des Studiums oder der Promotion um Aufnahme als Stipendiat in Förderprogramme bewerben. Solche Programme werden von einigen (meist politischen oder kirchlichen) Stiftungen angeboten und bieten ebenfalls Gelegenheit, mit einem potenziellen Arbeitgeber in Kontakt zu kommen.

Über die Angebote der einzelnen Stiftungen informiert man sich am besten über die jeweilige Homepage der Stiftung. Im Internet stehen verschiedene Stiftungsdatenbanken zur Verfügung (z.B. beim Bundesverband Deutscher Stiftungen oder dem Maecenata Institut), in denen man gezielt Stiftungen zu bestimmten Themen oder in bestimmten Städten suchen kann. Die Agentur für Arbeit bietet zusätzlich von Zeit zu Zeit Informationsveranstaltungen zum Arbeitsmarkt Stiftungen an (Informationen dazu gibt es in den Niederlassungen vor Ort).

Chancen

Die Arbeitsplätze im Stiftungssektor sind sehr begehrt und ein Einstieg in diesen Bereich oft nicht ganz einfach. Hinzu kommt, dass Historiker hier nicht nur mit Fachkollegen um die vorhandenen Stellen konkurrieren, sondern auch mit anderen Geisteswissenschaftlern wie zum Beispiel Germanisten, Soziologen und Politikwissenschaftlern, aber auch Betriebs- und Volkswirten. Vertreter der verschiedensten Fachrichtungen drängen somit auf denselben Arbeitsmarkt. Wer Interesse an der Stiftungsarbeit hat, sollte möglichst schon während des Studiums etwa über Praktika entsprechende Kontakte knüpfen. Insbesondere die großen, renommierten Stiftungen sind als Arbeitgeber sehr begehrt, so dass ein Einstieg in eine kleinere Stiftung möglicherweise leichter gelingen kann.

Weiterführende Artikel auf BfH.de: Interview mit Dr. Bernd Rother, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung

Weblinks

Bundesverband Deutscher Stiftungen - mit umfassenden Informationen zum Stiftungswesen in Deutschland; Standard-Datenbank zur Stiftungssuche

Homepage des Maecenata Instituts in Berlin, das sich mit Stiftungsarbeit auseinandersetzt und umfangreiche Informationen bietet (ebenfalls mit Datenbanken zur Stiftungssuche)

Liste der Universität Tübingen speziell mit Stiftungen zur Forschungsförderung

Auswahl von Stiftungen auf dem Deutschen Bildungsserver, nach Bundesländern sortiert

Literaturhinweis

Roland Bender: Ein praktisch unerfahrbares Berufsfeld? Praktikanten und Hospitanten im Stiftungsmanagement, Stiftung&Sponsoring 1/2007, S. 20-22.

Powered by Etomite CMS.